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Den Wald vor lauter Bäumen sehen ­­­­– Forum Waldkontroversen geht mit 130 Teilnehmenden in die zweite Runde




Er ist in vielerlei Hinsicht Diskussionsgegenstand und das nicht erst, seit der Energiekonzern RWE im Spätsommer dieses Jahres den Hambacher Forst zum Zwecke des Braunkohleabbaus zur Rodung freigeben wollte: die Rede ist natürlich vom Wald. Am 19. und 20. Oktober 2018 fand deshalb bereits zum zweiten Mal das Forum Waldkontroversen statt, welches die Campus-Akademie für Weiterbildung in Kooperation mit dem Ökologisch-Botanischen Garten der Universität Bayreuth (ÖBG) und dem Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung (BayCEER) organisiert.

Rund 130 Teilnehmende fanden sich im SWO-Tagungszentrum ein, um gemeinsam über die Frage, ob der Wald für eine ungewisse Zukunft gut aufgestellt ist, zu diskutieren. Besonders aktuell wird diese Thematik vor dem Hintergrund des Klimawandels. Wie wird dieser sich zukünftig auf den Wald auswirken und welche Effekte sind schon jetzt wahrnehmbar? Welche forstlichen und waldbaulichen Maßnahmen könnten nötig werden, um die Funktionsfähigkeit des Waldes weiterhin zu gewährleisten? Zwei Tage lang widmete sich das Forum Waldkontroversen in Vorträgen, einer Podiumsdiskussion sowie einer Exkursion diesen Debatten.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einer Vortragsreihe vierer Sprecherinnen und Sprecher aus Wissenschaft und Praxis. Der Mikrometeorologe Dr. habil. Johannes Lüers begann zur Veranschaulichung des Klimawandels mit einigen Diagrammen, welche die Differenz zwischen natürlichem und menschengemachtem Treibhauseffekt aufzeigten. Der menschengemachte Treibhauseffekt von + 0,8 Grad Celsius erhöhe Lüers zufolge das Energieniveau des ganzen Planeten. Der Beitrag des Menschen zu diesen klimatischen Veränderungen sei dabei der Tropfen, der das „Fass zum Überlaufen“ bringen könne. Lüers Diagnose für die Region Oberfranken lautete, dass diese mit einem wärmeren Klima zu rechnen habe, während es möglich sei, dass es keinen Dauerfrost in diesen Breiten mehr gebe.

Prof. Dr. Christian Ammer von der Universität Göttingen betonte in seinem Vortrag, dass die Klimaveränderungen für den Wald nur zwei Szenarien zuließen: Entweder der Wald könne sich dem Klimawandel langfristig anpassen – oder eben nicht. In Zukunft sei hier mit Wachstumseinbußen sowie einer Verschiebung der herrschenden Dominanzstruktur zu rechnen. Zudem werde das Befallsrisiko durch den Borkenkäfer zunehmen. Als Anpassung an den Klimawandel schlägt Ammer den Aufbau von Mischbeständen vor. Vorausschauende Planung durch sorgfältige Baumartenwahl sei hier die bevorzugte Handlungsempfehlung.

Dr. Ralf Petercord von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft beschäftigte sich in seinem Vortrag schwerpunktmäßig mit neuen Schädlingen und durch den Klimawandel bedingten Baumkrankheiten. Die erhöhte CO2-Konzentration verursache nicht nur das Absterben von Waldbeständen, sondern auch eine Verhaltensänderung diverser Arten. Dazu zählen eine schnellere Generationenfolge von Insekten, das Auftreten eingeschleppter, invasiver Arten sowie eine Veränderung der Aggressivität. Als Sieger des Klimawandels sieht Petercord Schädlinge wie den Borkenkäfer oder den Eichenprozessionsspinner, aber auch die Mistelpflanze, die halb-parasitisch auf Bäumen wächst und sich zunehmend verbreitet. Besonders wichtig im Angesicht des Klimawandels sei laut Petercord eine Förderung der Biodiversität sowie ein angewandter Waldschutz als integrierter Pflanzenschutz.

Dr. Susanne Winter von der Umweltorganisation WWF ging dem Verhältnis von Naturschutz, Klimaschutz und Klimaanpassung nach. Ihren Angaben zufolge sei die weltweite Entwaldung für 15 - 20 % der CO2-Emissionen verantwortlich. Aus diesem Grund forderte sie eine unbedingte Emissionsreduktion, für die nun insbesondere politische Maßnahmen einzuleiten seien.

In der Abschlussdiskussion, bei welcher Steffen Rutert von der GELO Holzwerke GmbH zu den Rednerinnen und Rednern stieß, ging es unter anderem um die Frage, inwieweit Holz als Rohstoff weiterhin ein Geschäftsmodell sein werde. Holz sei ein begehrter Rohstoff und finde für vielerlei Zwecke Verwendung. Problematisch in diesem Zusammenhang sei unter anderem, dass Bäume wie die Fichte, die einen großen Teil des Holzmarktes bedient, in Zukunft massiv an Bestand verlieren werde. Aber auch die Kiefer, nach der Fichte die zweitwichtigste Holzart für die Verwendung von Holz in Deutschland, zähle laut Dr. Gregor Aas, Leiter des ÖBG Bayreuth, zu diesen vom Klimawandel bedrohten Baumarten.

An Tag 2 der Veranstaltung widmeten sich die Teilnehmenden in einer Exkursion drei Fragestellungen von „Waldkontroversen“. Unter der Leitung von Dr. Ludwig Albrecht, Behördenleiter und Bereichsleiter Forsten des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), und Dr. Franz Binder von der Landesanstalt Wald- und Forstwirtschaft (LWF) startete die Exkursion am Samstag vom Campus der Universität Bayreuth zur ersten Station in Ickelheim. Hier beschäftigte sich die Gruppe mit der Frage „Schwammspinner bekämpfen oder fressen lassen?“. Der Besuch des Eichen-Buchenwalds, in welchem durch den stellenweisen Einsatz von chemischen Insektenbekämpfungsmitteln eine erfolgreiche Bekämpfung des Schwammspinners möglich war, sorgte unter den Teilnehmenden für neuen Diskussionsstoff. Dazu zählte auch die Frage, ob der Insektizideinsatz überhaupt sinnvoll sei und wenn ja, welche Spritzmittel besonders geeignet seien.

Bei der zweiten Station in Gunzendorf stieß Gernot Käßer, Leiter des Forstreviers Emskirchen, zu der Gruppe. Hier wurde über die Frage „Abschied von Fichte und Kiefer?“ debattiert. Da diese beiden Baumarten in Zukunft an Bedeutung verlieren werden, ist es nötig, nach passendem Ersatz zu suchen. Im Forstrevier Emskirchen zeigen sich erste Erfolge mit der Anpflanzung der Edelkastanie, die – gleichwohl nicht heimisch – schon seit dem Altertum in Mitteleuropa kultiviert wird. Danach besuchte die Gruppe einen nahen Hutewald, der als Weide für Tiere genutzt wird. In diesem Eichenwald werden eingezäunt ca. 20 Schweine und 40 Hühner für eine tiergerechte und nachhaltige Fleisch- und Eierproduktion gehalten.

In Schmellenhof bei Lindenhardt diskutierte die Gruppe über die letzte Waldkontroverse: „Brauchen wir neue, nicht-heimische Baumarten im Wald?“. Hier wurde der KLIP-18-Versuch – ein Versuchsaufbau mit nicht-heimischen wärme- und trockenheitstoleranten Baumarten – vorgestellt. Dabei wird das Wachstum eher unbekannter, exotischer Baumarten untersucht, von denen erhofft wird, dass sich diese auch bei einer zukünftigen Erwärmung verbreiten können. Die Universität Bayreuth ist unter Leitung von Dr. Gregor Aas an KLIP-18 beteiligt.

Nach zwei Tagen Forum Waldkontroversen zeigt sich, dass unsere Wälder vor einem Problem stehen, dessen zukünftigen Unwägbarkeiten vorherrschen, während gleichzeitig schon jetzt dringender Handlungsbedarf angeraten wird. Wie genau den durch den Klimawandel bedingten Veränderungen im Wald begegnet werden soll, darüber wird in vielfältigen Projekten und Experimenten geforscht. Kontrovers bleiben wird diese Debatte allemal.

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